Drei an einem Tisch
Birgit Paltram
Peter hatte sein Gesicht in die Hände gestützt und wie Mona fand, wirkte sein Blick etwas gelangweilt. Der Tisch war gut gewählt; Mona mochte es, wenn sie aus dem Fenster sehen konnte. Als sie nahe genug war lächelte er, reichte ihr die Hand, bot ihr einen Platz an und setzte sich selbst wieder auf seinen Stuhl.
Das alles war noch einfach gewesen, sich begrüßen, sich anlächeln. Er schien sich kaum verändert zu haben; Die Zeit, die zwischen ihnen lag war ein Wimpernschlag. Hemd und Jacke kamen ihr bekannt vor, die Haare waren etwas länger, die gleiche Brille. Die Kellnerin kam und nahm ihre Bestellung auf. Sie hatten noch immer kein Wort gewechselt. Mona hatte sich vorgenommen diesmal nicht den Anfang zu machen; Sie wollte ihm die Führung überlassen. Er hatte sie dazu eingeladen, hatte sie um ein Treffen gebeten, um eine Aussprache, wie er es genannt hatte. Seine Fragen kamen langsam und schienen gut überlegt. Der übliche Alltag kam zur Sprache. Ob alles in Ordnung sei, in der Firma, mit der Familie; Ginge es den Eltern gut? Und die Geschwister und deren Familien? Mona erzählte ein paar Kleinigkeiten; Dass der Vater krank gewesen war, die Mutter sich auf den Sommer freute; Die Kinder ihrer Geschwister wären wohlauf. Die meisten ihrer Gespräche begannen so.
Früher war das anders gewesen. Früher blieb die Familie außen vor. Sie hatten genug zu reden, hatten genug mit sich selbst zu tun. Jetzt kamen alle anderen zuerst. Da war immer noch das allzu vertraute Lächeln, die leuchtenden Augen und Gesten, die Mona nur allzu vertraut waren. Sophie wurde ausgespart.
Wie ging es Sophie, wäre eine gute Frage gewesen. Aber Mona hütete sich davor. Sie dachte an das Versprechen, dass sie sich selbst gegeben hatte.
Das Essen wurde gebracht und Peter reichte ihr einen Teller mit Besteck. Wieder Schweigen. Sie hatte viel zu oft versucht diese Freundschaft mit Sophie zu retten. Hatten Nächte durchgeredet und Telefonate geführt auf beiden Seiten. Mona wusste davon, dass Sophie vor einigen Monaten die gemeinsame Wohnung mit Peter verlassen hatte. Sie wusste es von ihrer Mutter. Wenn er wollte könnte er es ihr selbst sagen.
Die Ehe zwischen Mona und Peter lag solange zurück, dass sie sich wohl beide nicht mehr daran erinnern konnten. Aber was danach kam sollte eigentlich für immer Bestand haben. Eine Freundschaft, die auf dem Fundament einer vergangenen Liebe gebaut war. Ihre Freunde wunderten sich; Warum klappte es als Freunde und nicht in der Ehe? Aber die Antwort darauf war unwichtig. Sie hatten plötzlich etwas, das mehr wert war als ein Ehering und gesellschaftliche Achtung.
Sie verbrachten nun mehr Zeit miteinander als in der Zeit ihrer dreijährigen Ehe. Sie verreisten gemeinsam, besuchten kulturelle Veranstaltungen, gingen am Wochenende einkaufen und telefonierten fast täglich miteinander. Sophie sagte es zuerst »Ihr seid die besten Freunde, die ich kenne.« Und später - »Ihr seid die besten Freunde, die ich jemals hatte.« Dass aus zwei drei geworden waren fiel kaum ins Gewicht. Die Geschichte wurde aufregender, man telefonierte im Kreis; Ihre gemeinsame Welt war klein und doch riesig im Vergleich zu anderen. Es fühlt sich zu gut an, hatte Peter damals öfter gesagt. Wie lange sie sich schon ohne Mona trafen erfuhr sie erst später. Sehr viel später. Als schon die gemeinsame Wohnung gemietet war, als schon von Heirat und Kindern die Rede war. Als immer wieder jemand sagte, Sophie und Peter... Monas Mutter hatte sie zur Seite genommen. Sie müsse den zweien endlich ein gemeinsames Leben gönnen. Wie sie sich das vorstelle? Sie stritten es nicht ab, sie wollten es ihr schon lange sagen; Nur die Gelegenheit ergab sich nie. Da war der Mietvertrag für die Wohnung schon unterzeichnet. Mona schleppte noch Kisten bevor sie für Monate auf Reisen ging. Als sie zurückkam trafen sie sich hin und wieder. Sie sprachen nie über die Ehe; Sie sprachen nie mehr über Freundschaft und sie trafen sich kaum noch zu dritt. Mona ging mit Sophie einkaufen und mit Peter zum Essen. Die Treffen wurden spärlicher und Mona versuchte von Sophie zu erfahren, wann aus dieser Freundschaft denn Liebe geworden wäre. Aber Sophie wollte davon nichts hören. Mona ersuchte Peter und Sophie um Erklärungen und kam sich dabei lächerlich vor. Wenn sie sich zufällig in der Stadt trafen nickten sie einander zu und gingen schließlich ohne Worte aneinander vorbei. Die Nachricht vom Ende ihrer Ehe nahm Mona hin. Sie konnte weder Bedauern noch Mitleid empfinden. Ruf' ihn an, sagte ihre Mutter. Aber was sollte ich sagen, hatte Mona damals zu ihr gesagt.
»Ich wollte mit dir reden, weil ich dachte...«, fing Peter nun an. Mona legte ihr Besteck zur Seite und nahm einen Schluck Wasser. Dieses Treffen würde nicht funktionieren, diese Aussprache käme zu spät; Diese Gedanken von Peter hinkten Mona hinterher; Diese Worte waren ohne Inhalt. Sie nickte, er hätte absolut recht, das alles wäre Vergangenheit; Es gäbe nichts mehr darüber zu sagen. Sie legte ein paar Geldscheine auf den Tisch, nahm Jacke und Tasche an sich und ging.