Warum unsere Charaktere vier Ohren haben sollten
Jörn Meyer

Illustration: Guido Göbbels
Der Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schulz von Thun dürfte dem ein oder anderen noch in negativer Erinnerung sein, denn zusammen mit großen Werken wie Faust oder Homo Faber haben seine Theorien ein Problem: Sie wurden im Deutschunterricht zu Brei verarbeitet.
Wenn man sich mit der Kommunikationstheorie beschäftigt, stellt man schnell fest, dass das menschliche Miteinander auf zwei verschiedenen Ebenen abläuft: der verbalen (was gesagt wird) und der non-verbalen (was nicht gesagt wird, also beispielsweise durch Körpersprache und / oder Tonfall verdeutlicht wird).
Der verbale Teil ist leicht abgedeckt: Wir können unsere Charaktere schließlich sprechen lassen. Problematisch wird es hingegen bei der non-verbalen Kommunikation, denn die kann in fiktionalen Texten nur unzureichend vermittelt werden, da es ihr schlicht und ergreifend an Subtilität fehlt. Schaut euch folgende Beispiele an:
Körpersprache
„So gehst du mir nicht aus dem Haus, junge Dame!”, rief er und stemmte die Arme in die Hüften.
Tonfall
„Als ob du in der Lage wärst, mich aufzuhalten”, gab sie sarkastisch zurück.
„So gehst du mir nicht aus dem Haus, junge Dame!”, rief er und stemmte die Arme in die Hüften.
Tonfall
„Als ob du in der Lage wärst, mich aufzuhalten”, gab sie sarkastisch zurück.
Ein oberflächlicher Zuhörer hätte in Wirklichkeit vielleicht gar nicht bemerkt, dass die junge Dame sarkastisch wirken möchte (okay, ich gebe zu, es war offensichtlich, aber ihr versteht, was ich meine).
Was können wir also tun, um die verbale Ebene weiter auszureizen? Ganz einfach: Wir lassen unsere Charaktere für uns arbeiten. Und hier kommt Friedemann Schulz von Thun wieder ins Spiel, denn er entwickelte das System der vier Ebenen einer Nachricht.
Er ging davon aus, dass jede Nachricht, die von einem Menschen an einen anderen gesendet wird, auf vier verschiedene Weisen gleichzeitig verstanden wird.
Um das zu verdeutlichen, stellen wir uns folgende Situation vor: ein Mann sagt zu seinem Freund: „Du, das Bier ist alle”.
Sachebene
Dies ist der pure Informationsgehalt, so, wie er neutral aufgefasst wird.
„Es ist kein Bier mehr vorhanden.”
Selbstoffenbarung
Was gibt der Sprecher über sich selbst preis? Wie fühlt er sich, was tut er, was denkt er?
„Ich hätte gerne noch mehr Bier.”
Beziehung
Wie steht der Sender der Nachricht zum Empfänger? Welche Beziehung verbindet sie?
„Da ich dein Freund bin, finde ich, dass du für das Bier sorgen könntest.”
Appell
Was versucht der Sender der Nachricht zu erreichen, was will er?
„Hol mir noch ein Bier.”
Dies ist der pure Informationsgehalt, so, wie er neutral aufgefasst wird.
„Es ist kein Bier mehr vorhanden.”
Selbstoffenbarung
Was gibt der Sprecher über sich selbst preis? Wie fühlt er sich, was tut er, was denkt er?
„Ich hätte gerne noch mehr Bier.”
Beziehung
Wie steht der Sender der Nachricht zum Empfänger? Welche Beziehung verbindet sie?
„Da ich dein Freund bin, finde ich, dass du für das Bier sorgen könntest.”
Appell
Was versucht der Sender der Nachricht zu erreichen, was will er?
„Hol mir noch ein Bier.”
In einer perfekten Welt würden alle vier Botschaften gleich stark gewichtet werden (wir würden, wie Watzlawick es ausdrückt, mit allen vier Ohren gleich hören). Da dies aber nicht so ist, kommt es im täglichen Leben ständig zu Missverständnissen, da Leute beispielsweise zu sehr auf den Beziehungsaspekt der Nachricht achten.
Als Beispiel nehmen wir mal eine klassische Situation für Missverständnisse: Eine Beziehung. Robert geht mit seiner Freundin einkaufen:
„Wir haben übrigens kein Schokoladeneis mehr“, meinte er und ließ den Blick gedankenverloren über die Pasta streichen. Sie stemmte die Arme in die Hüften: „Soll das heißen, ich bin zu fett?“
Das Beispiel ist natürlich überspitzt, doch es zeigt: Obwohl Robert seine Aussage wahrscheinlich auf der Sachebene kommunizieren wollte, hat seine Freundin nur den Appell herausgehört: „Iss weniger Schokoladeneis!“
Für uns interessant wird dieses Modell also, wenn wir erkennen, dass diese Missverständnisse die ideale Quelle für Konflikte in unserer Geschichte sind: Ein geübter Schreiberling sollte in der Lage sein, die vier Ohren seiner Charaktere mal hierhin, mal dorthin zu richten, denn durch Missverständnisse kommt Spannung in die Dialoge.
Menschliche Kommunikation läuft niemals perfekt ab, und deswegen sollte es in unseren Werken nicht anders sein, denn den perfekten Menschen ohne Schwächen gibt es in keinem Werk: Selbst Superman hat sein Kryptonit.